Ist Kultur zu erleben als Mensch mit Behinderung möglich?

Ist Kultur zu erleben als Mensch mit Behinderung möglich?

Möglich teils ja, aber nicht überall und nicht immer.

Was für jeden Bürger*in das normalste auf der Welt ist, ist für Menschen mit Behinderung oft nicht möglich. Und es ist egal welche Arten der Einschränkungen vorliegen. Mal schnell mit Freunden oder der Familie ein Museum, eine Veranstaltung oder dergleichen zu besuchen ist oft nur unter vorherigen aufwendigen Recherchen möglich. Nicht weil es die Behinderung so mit sich bringt, nein weil einfach die entsprechenden Informationen fehlen und weil Veranstaltern der Focus für die notwendigen Bedürfnisse von ca. 10 Prozent der Bevölkerung fehlt. Zehn Prozent, kann das sein? Ja es sind sogar mehr. Im Jahr 2017 waren laut Statistischem Bundesamt 7,8 Millionen Menschen schwerbehindert.
Mit der zuhnehmenden Überalterung wird sich auch die Zahl der Menschen mit Beeinträchtigung entsprechend erhöhen.

Als schwerbehindert gelten Personen, denen die Versorgungsämter einen Grad der Behinderung von mindestens 50 zuerkannt sowie einen gültigen Ausweis ausgehändigt haben.

Statistisches Bundesamt.

Die Dunkelziffer dürfte um einiges höher liegen, da viele Menschen die Bezeichnung „Behinderung“ als Stigma ansehen und sich dadurch der Gefahr der Ausgrenzung ausgesetzt sehen. Diese Angst kommt allerdings nicht von ungefähr, denn auch heute, im Jahr 2019 und 10 Jahre nach inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention, sehen sich viele Menschen mit Behinderung von Behörden, Veranstaltern und nicht zuletzt von den politischen Parteien ausgegrenzt.

Welche Arten von Behinderung gibt es?

Zum Einen solche die man dem Betroffenen ansieht, wie Bewegungsstörungen, Blindheit und Sehbehinderung, Hörbehinderung und Kleinwuchs. Bei Behinderungen die man dem Menschen nicht gleich oder auch überhaupt nicht ansieht ist das Ganze schon schwieriger zu erkennen. Hierzu zählen Autismus, chronische Erkrankungen, Epilepsie, Hirnschädigung, HIV und Aids, Krebs, Multible Sklerose (MS), psychische Erkrankungen und Lernschwächen und Einige mehr.

Heute wollen wir die Einschränkungen bei öffentlichen Veranstaltungen mal genauer betrachten.
Je nach Art der Behinderung sind die Anfordrungen an die Veranstalter unterschiedlich. Bei Blinden oder Menschen mit Sehschwäche z.B. ist das 2 Sinneprinzip für eine Teilhabe enorm wichtig. Er/Sie muss die Umwelt ertasten und hören können. Dies betrifft Zugänge, Aufzüge und bei Museen eben eine Ertastbarkeit der Ausstellungsstücke und eine Sprachausgabe für Gegenstandsbeschreibungen. Taube und Hörgeschädigte hingegen sind auf Induktionsspulen, Gebärdendolmetscher oder Lesbarkeit angewiesen. Da für die meisten Gehörlosen die deutsche Sprache eine Fremdsprache ist, sind sie ebenfalls wie Menschen mit Lernschwierigkeiten auf Broschüren und Beschreibungstexte in „Leichter Sprache“ angewiesen. Menschen mit motorischen Einschränkungen (Arme, Beine) sind hingegen auf stufenlose Bereiche, breite Durchgänge und elektrische Türöffner angewiesen. Bedienbarkeit mit nur einer Hand brauchen neben Rollstuhlnutzer auch Menschen mit Beeinträchtigungen der oberen Gliedmaßen. Blinde Menschen und Menschen mit Lernschwierigkeiten brauchen zwingend barrierefreie Internetauftritte.
Wer jetzt denkt, „wer soll das alles Bezahlen“ muss sich vor Augenhalten, dass all die beschriebenen Hilfsmaßnahmen nicht nur einigen Wenigen nutzen. Nein Barrierefreiheit betrifft gleichermaßen uns alle. Eltern mit Kinderwägen und Rollatornutzer sind froh, wenn die Bereiche eben, breit und Erschütterungsarm ausgelegt sind. Über elektrische Türöffner oder leichtgänge Türen freuen sich Alte, Kinder und Schwache. Ausländern die der deutschen Sprache nur bedingt mächtig sind oder auch bildungsferneren Schichten der Gesellschaft kann man mir leichter Sprache Inhalte näher bringen.

Leider viel zu oft hört man gerade von Veranstaltern, wir sind gerne behilflich. Das ist zwar gut gemeint, entlässt aber die Betreiber nicht aus ihrer Verantwortung. Man stelle sich einen Rollstuhlfahrer mit Elektro-Rolli vor. So ein Gefährt bringt schnell mal 160 kg auf die Waage und dann noch der Nutzer mit vielleicht 140 kg. Da will man also mal dir nichts mir nichts 300 kg die Treppe hoch tragen? Nein liebe Verantwortliche, das ist nicht nur gefährlich, sondern dazu noch eine Diskrimminierung und Zurschaustellung!
Die Zeiten des Führsorgezeitalters sind spätestens seit dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2009 Geschichte. Wir sind in der Ära der Selbstbestimmung angekommen. Selbstbestimmt leben bedeutet eigenverantwortlich leben.

Barrierefreiheit definiert sich wie folg:

Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für Menschen mit Behinderungen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe auffindbar, zugänglich und nutzbar sind. Hierbei ist die Nutzung behinderungsbedingt notwendiger Hilfsmittel zulässig.

§4 BGG Barrierefreiheit Behindertengleichstellungsgesetz.

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Artikel 3 Absatz 3 Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland.

– UN-Behindertenrechtskonvention –
Teilhabe am politischen und öffentlichen Leben
In Artikel 29 garantiert die UN-Behindertenrechtskonvention behinderten Menschen die politischen Rechte und die Möglichkeit, diese gleichberechtigt mit anderen beanspruchen zu können. Gleichzeitig beschreibt die Konvention die Pflicht der Vertragsstaaten sicherzustellen, dass Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen am politischen und öffentlichen Leben teilhaben können.

UN-BRK Art 29.

Das nicht ermöglichen an der uneingeschränkten Teilnahme einer Veranstaltung zählt bereits als Benachteiligung und legt einen Verstoß gegen die Menschenrechte dar.

Jeder verantwortliche Planer sollte sich fragen, ob auch wirklich alle Menschen sein Angebot nutzen können.
Behindertenverbände und Behindertenbeauftragte helfen ihnen sehr gerne und meist kostenlos weiter.


Erst wenn dies der Fall ist dann hat Inklusion funktioniert.

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